Neheimer Geschichte ...........
Lage und Namensdeutung Neheims

Ehrenhain ehemals alter Friedhof und Stätte des Burghauses Schüngel   © Archiv Heimatbund Neheim

Haben jedoch Bergheim und Bachum ihre Namen nach ihrer topographischen Lage erhalten, so können wir bei Neheim dasselbe annehmen. Sein Name ist daher sinnentsprechend als "Heim in der Niederung, Niederheim" zu deuten. Diese Erklärung entspricht auch der sprachgeschichtlichen Entwicklung zwangloser als die bisherige als "Neuheim"; denn unserm heutigen "nieder" ent-spricht ein indogermanisches "ni"' althochdeutsch "nidar" und niederdeutsch "neder", das als Wortbildungssilbe "ni" und "ne" sich in Weiterbildungen erhalten hat. So wurde aus "Ne-hem" durch Verhochdeutschung des "hem" ein "Ne-heim".

Vergegenwärtigen wir uns einmal die ältesten Namensformen. In obengenannter Urkunde von 1202 begegnet uns "Nihem" als Familienname, der als Herkunftsbezeichnung gleichzeitig auch erstmals den Siedlungsnamen erkennen läßt. Dieser erscheint - oft von kölnischen Schreibern ge-schrieben! - dann in folgenden Formen: Nihem 1212, Nihem 1217, Niehem 1223, Nyhem 1234, Niehem 1246, Nihem 1250, Nyhem 1255, villa Neyhem 1263 (Erlaubnis, das Norf Neyhem zu befestigen), Nyheim 1278 (Friedensurkunde), Neyhem 1285, Nehem 1294, Nyhem 1295, Neyheim 1338, Neyhem 1358 (Stadtrechte), Neyhem 1360 (Jahrmarktsverleihung), Ney-hem 1368 (Waldschenkung). - Im 17. und 18. Jhdt. tritt neben Nehemb und Neheimb (b als verstärkter Verschluß des m) auch die heutige Form Neheim hervor. 1750 nennt der Geschichtsschreiber von den Steinen in seiner "Westfälischen Geschichte" unsern Ort "Neheim, auch Niem oder Neim geheißen". Die beiden letzten sind Dialektformen, die noch heute wie vor fünfhundert Jahren in der Sprache des Volkes "Neim, Neym' Neime, Neimen" lauten. Im "Kriegstagebuch der Soester Fehde" schreibt Bartholomäus van der Lake 1446: "Wu Neyme uetbrannte" (vgl. Heimatbuch Neheim, 5. 91) - Die mundartliche Form, in offiziellen Urkun-den nach Mitteilung des Archivars Zschaeck nie vorkommend, beeinflußte sicherlich die Entste-hung der obigen Formen mit Ney- und später auch die Kurzformen Neym und Nehm, in denen das h verstummt ist. Sie kommt z. B. in der Wappensammlung der Kurfürsten von Köln von 1700 vor, wo das Wappen Neheims unterschrieben ist mit "Nehm".

Wir wollen unsern Erklärungsversuch nicht abschließen, ohne auch der Deutung als "Neuheim" unsere Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Auffallenderweise gibt keiner der Chronisten, die sich bisher mit der Geschichte Neheims befaßten, eine Namensdeutung, weder Seibertz, Tücking oder Dinslage, noch Brüning oder Wigge. Die Sage, wonach Neheim von Bergheim aus entstanden sein soll, wurde um die Jahrhundertwende in den Schulen erzählt und selbst von Historikern "cum grano salis", wie wir weiter sehen werden, übernommen. Verfasser erfuhr sie zuerst von seinem damaligen Lehrer Kampschulte, dann 1910 durch einen Vortrag, den Rektoratsschullehrer Rosenkranz im "Verein für Geschichte und Altertumskunde" anläßlich der Kunst- und Altertumsausstellung in Neheim am 12. September 1910 gehalten hat, erschienen am 15. September 1910 in der "Neheim-Hüstener Zeitung" wie folgt: "Über den Ursprung des Ortsnamens Neheim läßt sich nichts Historisches feststellen. Wenn man jedoch der Ortssage cum grano salis (mit einem Körnchen Wahrheit) folgen darf, so hat die Erklärung "Neues Heim" viel für sich. Danach sind zur Zeit des Faustrechts aus dem naheliegenden Dorfe Bachum oder aus dem verschwundenen Orte Bergheim auf der andern Seite der Ruhr die Bewohner unter den Schutz der Burg Neheim gewandert und haben hier unter den Mauern ein "Neues Heim" gegründet."

So weit die Sage. Sie wurde in dieser oder ähnlicher Form in den Schulen verbreitet und fand 1928 Aufnahme im Heimatbuch (5. 185). Damals steckte die Heimatforschung noch in den Kinderschuhen. Bei kritischer Überlegung hätte man sich schon früher Gedanken darüber machen können, daß das Dorf, das nach 1263 befestigt wurde, ja längst den Namen "Nihem" hatte. Als sicher kann natürlich auch gelten, daß damals, wie immer bei Stadtgründungen, Bewohner aus der Umgehung in dem jungen mauerumwehrten Städtchen angesiedelt worden sind. So lag es später, vielleicht erst in unserer Zeit, nahe, die unverständliche bzw. unverständlich gewordene Silbe "ne" als neu zu deuten.

Diese volksetymologische Erklärung hielten nachher selbst bekannte Historiker ohne weiteres für selbstverständlich, und sie fand Eingang in heimatkundliche Schriften und Bücher, selbst noch 1948 in das Handbuch von Menne: "Der Kreis Arnsberg", wo es heißt: "Neheim ist in jeder Beziehung eine neue Stadt, wie schon ihr Name "Neuheim sagt" (5. 56). Auch Archivar v. Klocke sieht noch 1928 in Neheim "ein Neuheim, eine Neusiedlung" (1928, Heimatbuch, 5. 61). Er mag in seiner damaligen Meinung bestärkt worden sein durch die von ihm zitierte Namensform "Nuohem" von 1219. Nach Schneider heißt sie jedoch "Nuhem". Zschaeck' der Neheim ebenfalls als Neuheim deutete, erwähnt sie gar nicht, obschon gerade sie seinen Untersuchungen hätte dienlich sein können. So mag denn ein Schreibfehler oder eine falsche Lesart vorliegen. Da ihre Form nicht eindeutig und außerdem die einzige Abweichung von allen vorhin genannten ist, ist ihr keine entscheidende Bedeutung beizumessen, zumal es öfter vorkommt, daß selbst in ein und derselben Urkunde ein Name verschieden geschrieben wird wie z. B. Hüstens Name in der Urkunde von 802, der im Anfang "Hustene", am Ende "Hustanne" lautet.

So ist es nicht verwunderlich, daß diese Erklärungen diejenigen nicht befriedigen konnten, die in der ersten Silbe des Namens Neheim eine Lagebezeichnung vermuteten wie z. B. Franz Bergmann, Friedrich Brökelmann und Verfasser, die aber damals noch nicht jene Argumente kannten, die uns heute den Weg weisen und unsere Meinung stützen, daß Neheim nicht Neuheim, sondern "Niederheim" bedeutet.

Quelle : Bernhard Bahnschulte
im Buch 600 Jahre Bürgerfreiheit Neheim - Hüsten
erschienen im Selbstverlag der Stadt Neheim - Hüsten 1958
noch zu beziehen durch Heimatbund Neheim - Hüsten e.V.

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