Neheimer Geschichte ...........
Haus Neheim

alte Befestigungsanlage Neheim   © Archiv Heimatbund Neheim

Bei der Darstellung der geschichtlichen Vergangenheit eines Ortes beginnt man gewöhnlich - und zwar mit Recht - mit den ältesten schrifturkundlichen Nachrichten; denn mit dem Auftauchen von Name und Jahreszahl tritt er aus dem Dunkel der Frühzeit ins "Licht der Geschichte", stehen wir auf dem "festen Boden gesicherter Tatsachen" Aber damit ist in den allermeisten Fällen keineswegs das wirkliche Alter, der Beginn der Ansiedlung ermittelt. Urkunden, die hierüber Aufschluß geben könnten, existierten entweder gar nicht oder sind im Laufe der Zeit verlorengegangen. Wären z. B. Bachums Name im 9. Jahrhundert und Hüstens Urkunde vom 13. Januar 802 nicht überliefert, dann würde die "geschichtliche" Vergangenheit beider Orte um fast vierhundert Jahre jünger datiert werden müssen; denn beide treten erst wieder im selben Jahre 1174 urkundlich hervor.

Neheim taucht erstmals 1202, genau vierhundert Jahre nach Hüsten auf, und zwar in einer Urkunde des Grafen Gottfried II. von Arnsberg, wo "Hermannus de Nihem" mit seinen Söhnen Wilhelm und Hermann als Zeugen genannt wird.

In dieser ersturkundlichen Erwähnung erscheint "Nihem" als Herkunfts- bzw. Familienname jenes ritterbürtigen Geschlechts, dessen Angehörige " die frühesten historischen Verwalter des Arnsberger Haupthofes Nihem" gewesen sind und von diesem ihren Namen übernommen haben.

Wo lag dieser gräflich-arnsbergische Hof, die Urzelle Neheims ? Er läßt sich als "Haus Neheim" mit Sicherheit an der Stätte des heutigen Ehrenhains und der angrenzenden Häuser lokalisieren; denn dieser Platz trägt noch heute die Katasterbezeichnung "Neheim" als Flurnamen. Später, nach der Befestigung Neheims, finden wir hier ein Burghaus, vermutlich das älteste, zunächst im Lehnsbesitz der altansässigen Familie v. Nihem (gnt. Sleper), dann wird die Familie v. Befestigungsanlage Neheims Böckenförde, gnt. Schüngel, damit belehnt. Diese besaß es von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis 1744, anfangs als Lehnsgut, dann als Eigentum. Als am 22. Januar 1440 Albert Schiingel im Einvernehmen mit seiner Mutter die Absicht kundgibt, eine Frühmesse bzw. eine Vikarie zu stiften, wird er als der Besitzer des "Hauses Neheim" bezeichnet; ebenso erscheint im Visitationsbericht von 1716 die Familie v. Schüngel als "Schüngel alias de domo Nehemensis" d. h. vom "Hause Neheim".

Unzweifelhaft hat von dieser Stätte aus Neheim seinen Ursprung genommen, von einem befestigten Hof, der in der äußersten Ecke des Ruhr-Möhne-Winkels, wasserseitig auf natürliche Weise gut geschützt, gelegen hat. Vielleicht bringen Funde, die demnächst beim Bau der Umgehungsstraße gemacht werden könnten, die gerade an dieser Stelle Alt-Neheim durchschneiden wird, etwas Licht ins Dunkel der Frühgeschichte unserer Stadt. Der Hof ist nicht zu identifizieren mit der später erbauten Hauptburg, die in der Nähe der heutigen Post gestanden hat, deren Reste nach dem Brande von 1807 abgetragen worden sind (vgl. Lageplan 5. 22).

Bemerkenswerterweise finden wir den Haupthof Nihem von Anfang an im Erbbesitz der Grafen von Arnsberg, der früheren Grafen von Westfalen. Auf einem Teil des zum Hof gehörenden Grund und Bodens entstand im Laufe der Zeit das Dorf Neheim. Nur so läßt sich die "Hofespacht" erklären, die die Stadt Neheim als "Erbpächterin" bzw. Rechtsnachfolgerin jahr-hundertelang bis zur Ablösung im Jahre 1845 auch entrichtet hat, anfangs in festgesetzten Natu-ralien, dann 1845 in Geld, und zwar an die jeweiligen Landesherren, zuerst an die Grafen von Arnsberg, dann an die kurfürstliche Oberkellnerei und zuletzt an den preußischen Fiskus. Für die Beantwortung der Frage nach der Entstehung und Namensdeutung der ersten Ansied-lung sind die jüngsten Ergebnisse der Grabungen auf dem Fürstenberg (1957) nicht ohne Be-deutung (s. 5. 19). Außerdem sei auf das verwiesen, was auf 5. 19 über Bergheim und Bachum gesagt wurde.

Diese auf archäologischen und archivalischen Forschungen beruhenden Erkenntnisse sind von Be-deutung in unserm engeren Siedlungsraum für die Orte Neheim, Bergheim und Bachum. Für Bergheim und Bachum liegt überdies der urkundliche Beweis vor: denn beide erscheinen bereits im 9. Jahrhundert als "bere-hem" und "bac-hem" im Traditionsbuch der Werdener Güterverzeich-nisse. Für Neheim fehlt sowohl das schrifturkundliche wie archäologische Zeugnis. Doch wird auch unser Ort um jene Zeit gegründet worden sein, denn es ist undenkbar, daß die wichtigen Flußübergänge von Ruhr und Möhne - im Zuge einer uralten Straße liegend - nicht gesichert worden sind. Dieses war vom militärischen Standpunkt aus unbedingt notwendig und wohl wichtiger als die Ansiedlung einiger Bauern auf den Höhen von Bergheim und Bachum. Ob nicht der Reichsbrückenzoll zu Neheim, mit dem die Grafen von Arnsberg belehnt waren, hier seinen Ursprung hat?

Nun zur Namensdeutung. Wenn nach diesem Hinweis auf die allgemeingeschichtlichen Vorgänge jener Zeit und nach den siedlungskundlichen Forschungen Hümhergs Neheim, Bergheim und Bachum zur selben Zeit entstanden sein werden, müssen auch ihre Namen aus der Sprache jener Zeit, vom Altsächsischen her erklärt werden.

Das altsächsische "hëm" entwickelte sich zu "heim", das damals wie heute "Heim, Wohnung, Herdstelle" bedeutet. So wird uns der Name Bergheim ohne weiteres verständlich als "Heim auf dem Berge". Bachums Name ist bisher vom Volksmund - offenbar in Anlehnung an die heutige Aussprache - als Heim am Bach erklärt worden. Diese volksetymologische Deutung ist nach heutigen Erkenntnissen nicht haltbar; denn Bachum liegt nicht unmittelbar am Bach, sondern auf einer Höhe, die von zwei Rinnsalen umflossen wird, auf einem Hügelrücken. Damit deckt sich auch sprachgeschichtlich der Name: das h gehört zu hem, so daß bac als Rücken zu übersetzen ist, eine Erkenntnis, die durch die Untersuchungen Prietzes überzeugend untermauert ist. Er stellte fest, daß von mehr als hundert Ortsnamen mit "bach" über sechzig dieser Siedlungen nicht an einem Bach liegen. Bac-hem bedeutet also "Heim auf dem Berg- oder Hügelrücken". Das ursprüngliche "hem" und "heim" schwächte sich hier wie bei andern Orten zu "um" ab. So hieß z. B. Stockum früher "stoc-hem", Beckum "bec-heim" und Wocklum "Wokelheim"

Quelle : Bernhard Bahnschulte
im Buch 600 Jahre Bürgerfreiheit Neheim - Hüsten
erschienen im Selbstverlag der Stadt Neheim - Hüsten 1958
noch zu beziehen durch Heimatbund Neheim - Hüsten e.V.

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