DIE KULTURELLE ENTWICKLUNG

Neheim Ansicht um 1893   © Archiv Heimatbund Neheim


Der wirtschaftliche Aufschwung Neheims im 19. und 20. Jahrhundert bewirkte auch eine Steigerung der kulturellen Bedürfnisse. Dies zeigt sich besonders in der Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse, des Schul- und Bildungswesens sowie des gesamten Vereins- und Geisteslebens der Stadt.
Die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts allgemein einsetzende Entwicklung des Volksschulwesens zeigte sich in Neheim darin, daß die von dem verdienstvollen Lehrer Alexander Weber geleitete ,,Industrieschule" (durch Preußen 1816 aufgehoben) zu den blühendsten des kurkölnischen Sauerlandes zählte. 1820 erfolgte die Trennung der bis dahin einklassigen Schule in eine Knaben- und Mädchenklasse. 1861 wurden die katholischen Lehrpersonen dadurch entlastet, daß die evangelischen Schulkinder in einer eigenen Klasse zusammengefaßt und von einem evangelischen Lehrer unterrichtet wurden. Das nach dem Brande von 1807 in der Nähe der Kirche errichtete, vor zehn Jahren niedergelegte Schulgebäude reichte schon seit 1875, als 961 Schulkinder vorhanden waren, längst nicht mehr aus. Deshalb wurde bis zum Bau der Schule an der Friedenstraße (1878) der Rathaussaal zu Unterrichtszwecken mitbenutzt. 1892 erfolgte der Bau der Johannes- und Engelbertschule. Der Nordflügel der letzteren erstand 1898. Die evangelische Schule an der Burgstraße wurde 1888 erbaut. Infolge der großen Schülerzahl erwies sich 1897 eine Trennung der katholischen Schulklassen in zwei Systeme für notwendig: in das Kirch- und Ringsystem.
Ostern 1902 bezogen sechs Mädchenklassen des Kirchsystems die neuerbaute Agnesschule an der Hauptstraße (jetzt Karl-Wagenfeld-Schule, Mendener Straße). Als Ostern 1905 die Marienschule an der Mittelstraße (Ringsystem) ihrer Bestimmung übergeben werden konnte, räumte man das Gebäude an der Friedenstraße für andere Zwecke ein: die kaufmännische und gewerbliche Berufsschule, die städtische Handelsschule und das evangelische Lyzeum haben in ihm zeitweise ihr Heim gefunden. 1928 unterrichteten an den zwei katholischen Schulsystemen dreißig, an der evangelischen Schule drei Lehrkräfte.
Die erste Anregung, eine höhere Knabenschule zu errichten, ging von dem Pfarrer Münstermann und dem Bürgermeister Dinslage aus. Sie fanden anfangs mancherlei Schwierigkeiten. Da der damalige Pfarrer Münstermann in der Person des Rektors zugleich eine Aushilfe in der Seelsorge wünschte, schickte die bischöfliche Behörde den Curatpriester Glae''n, der bis dahin Hilfslehrer am Progymnasium zu Rietberg gewesen war, nach Neheim. Als dieser von der Regierung nicht bestätigt wurde, gründete der Stadtvorstand 1852 eine städtische höhere Knabenschule; Rektor Glae''n wurde ihr erster Leiter und blieb es bis 1861. Durch Statut vom Jahre 1858 war festgelegt und von der Königlichen Regierung genehmigt worden, daß der Rektor der Schule ein katholischer Geistlicher sein müsse.
Die Unterrichtsräume der Rektoratschule, die 1890 drei Klassen umfaßte, waren in den ersten vier Jahrzehnten bald hier, bald dort, so z. B. im alten Rathause, bei Herbolten am Neumarkt, in der alten Schule an der Kirche und sogar in einem Fabrikgebäude an der Schobbostraße. Erst den Bemühungen des Rektors Wurm gelang es 1889, den Bau eines eigenen Schulgebäudes, des heutigen alten Lyzeums, durchzusetzen.
Die geistlichen Rektoren waren damals, nach der sog. Kulturkampfzeit, sehr selten, und man hielt es 1894, als ein neuer Leiter gewählt werden mußte, für nötig, diesen, den Rektor Franz Busch, zu verpflichten, sich auf eine lange Tätigkeit in Neheim einzurichten. Über dreißig Jahre hindurch hat er auch ausgehalten, siebzehn Jahre als Leiter der Rektoratschule und, nach deren Ausbau zum Realgymnasium, dreizehn Jahre als Religionslehrer an dieser Anstalt. 1924 wurde er auf Grund der staatlichen Abbaubestimmungen in den Ruhestand versetzt.
Nach langwierigen Verhandlungen, die bis 1909 zurückreichen, gelang es schließlich den Bemühungen des Bürgermeisters Dicke, ab 1. April 1911 den Ausbau zum Realprogymnasium zu verwirklichen. Erster Direktor wurde Dr. Begiebing. Die Anstalt entwickelte sich so günstig, daß der Minister für geistliche und Unterrichtsangelegenheiten am 17. August 1912 die Genehmigung erteilte, von Ostern 1914 ab das Realprogymnasium zu einem Realgymnasium auszubauen. Die 1879 erfolgte Gründung einer paritätischen höheren Töchterschule führte 1894 zur Trennung in eine katholische und eine evangelische Töchterschule. Jene mußte 1905 wegen zu schwachen Besuches ihre Pforten schließen und öffnete sie erst wieder nach dem ersten Weltkrieg, und es entstand vor 30 Jahren das heutige schmucke Gebäude. Die nach dem ersten Weltkrieg ins Leben gerufene Volkshochschule war nur von kurzer Dauer. Nach dem zweiten Weltkrieg erblühte sie aber unter der Leitung von Dr. K. M. Krug zu einem bestimmenden kulturellen Faktor unserer Stadt.
Seit April des Jahres 1928 besitzt Neheim auch eine Handelsschule. Die Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses ist ihr Ziel. Eine Haushaltungsschule, die den jungen Mädchen aller Volkskreise hauswirtschaftliche Kenntnisse vermitteln will, besteht seit 1927.
Von mehr oder weniger großer Bedeutung für das kulturelle Streben der Stadt sind auch die zahlreichen gesellschaftlichen, sport - und wirtschaftlichen Vereine. Von den gesellschaftlichen mögen in erster Linie die genannt werden, die sich die Pflege des deutschen Volks- und Kunstgesanges zur Aufgabe gemacht haben. Die ältesten sind die Männergesangvereine ,,Westfalia" (gegründet 1373), ,,Cäcilia" (1875) und ,,Eintracht" (1877). Zu den Gründern der ,,Westfalia", deren erster Leiter Lehrer Josef Hockelmann war, zählt der Fabrikant Hermann Lamberty, der Gründer und erste Vorsitzende des Sauerländischen Sängerbundes. Erster Dirigent der ,,Cäcilia", die sich als besonderes Ziel die Förderung des kirchlichen Gesanges, dann auch des mehrstimmigen Kunstgesanges gesetzt hatte, war Lehrer Bußmann. Der Männergesangverein ,,Eintracht" erhielt seinen ersten Dirigenten in dem Hauptlehrer Heinrich Hoffmann. 1951 wurde er unter Anton Heilmann zu einem gemischten Chor, der seitdem regelmäßig Oratorien aufführt. Die drei genannten Vereine sind dem Deutschen Sängerbund angeschlossen. Auch die nach 1900 gegründeten Männergesangvereine ,,Liederfreund" (1902), ,,Harmonie" (1913) und der Gesangverein ,,Frohsinn" (1923) gehören diesem an und sind, wie die erstgenannten, treue Hüter des deutschen Volksliedes.
Neben diesen weltlichen Gesangvereinen bestehen noch zwei kirchliche, der katholische und der evangelische Kirchenchor. Verherrlichung des Gottesdienstes und Erbauung der Gläubigen durch geistliche Gesänge ist das Hauptziel beider. — Seit genau sechzig Jahren pflegt die ,,Kapelle Pröpper" (gegr. 1898) bzw. ,,Stadtkapelle Neheim-Hüsten" die Orchestermusik und begleitet frohe und ernste Begebenheiten durch Volks-, Tanz- und Konzertmusik.
Ende des vorigen Jahrhunderts hat das musikalische Leben Neheims einen neuen Impuls erhalten durch die Gründung des ,,Musikvereins Neheim". Den Anlaß hierzu gab das im Jahre 1896 durch den Männergesangverein ,,Westfalia" unter Leitung des Musikdirektors Aßhauer mit großem Erfolg aufgeführte Passions-Oratorium. Zwei Jahre später trat der Musikverein, der sich die Aufführung größerer Chorwerke zum Ziel gesetzt hatte, zum ersten Male an die Öffentlichkeit. Er gab durch seine Aufführungen, wie z. B. ,,Die Jahreszeiten" von Haydn, ,,Elias" und ,,Paulus" von Mendelssohn und ,,Christus am ,,Ölberg" von Beethoven, zu denen eine Militärkapelle das Orchester stellte, dem musikalischen Leben Neheims ein vollständig neues Gepräge. Seine weitere Entwicklung und Bedeutung wird an anderer Stelle dargelegt.
Am kulturellen Aufschwung unserer Heimatstadt sind auch diejenigen Vereine stark beteiligt, die Leibesübungen treiben. Die Geschichte der Leibesübungen beginnt in Neheim mit der Gründung des Turnvereins Neheim im Jahr 1884. War er lange Zeit der einzige Verein, der Leibesübungen betrieb, so folgte bald der Katholische Gesellenverein, der 1903 eine Turnabteilung ins Leben rief. 1908 erfolgte dann die Gründung des Fußballklubs 08 Neheim, des ersten Vereins, der nur Fußballsport betrieb (28. Oktober 1908). 1919 stieg er zur A-Klasse auf, 1920 zur Liga und 1922 zur Gau-Liga. Ein Auf und Ab wie in allen Vereinen folgte.
Die Pflege des Wanderns wurde hauptsächlich durch den SGV (Sauerl. Gebirgsverein) eingeführt, der auch zu mancher Verschönerung unserer nahen Waldungen durch Anlegen herrlicher Wege und Sitzgelegenheiten beitrug.
1922 wurde der Angelsport in Neheim aufgenommen. Der ,,Angler-Verband Sauerland", Sitz Neheim, hat es sich zur Pflicht gemacht, den vorschriftsmäßigen Angelsport unter dem Schutze des Deutschen Anglerbundes zu betreiben und unsere heimischen Gewässer mit ihrem sonst so reichen Fischbestand vor weiteren Ausplünderungen zu schützen. Namentlich diente ihm außer der Talsperre die alte Ruhr als Fischstand, in die der Verein mehrere tausend Edelfische ausgesetzt hat.
Besondere Beachtung verdient auch der Kegelsport. Wurde er früher nur als gesellschaftliche Betätigung aufgefaßt, so stellt er heute doch durch seinen Keglerverband eine gute sportliche Betätigung vor. — Wirtschaftlichen und gewerblichen Zwecken dienten Vereine, deren Mitglieder sich zusammengeschlossen haben, um gemeinsame wirtschaftliche Interessen zu wahren, wie z. B. der Konsumverein und die verschiedenen Berufsvereine und -innungen. Ferner sind u. a. zu erwähnen der Obst- und Gartenbau-Verein, der Brieftaubenverein und verschiedene andere Tierzuchtvereine.
Neben dem schon vor dem ersten Weltkrieg bestehenden Landwehr-Kriegerverein bildeten sich später ein Dutzend andere Kriegerkameradschaften, die nach dem zweiten Weltkrieg sich auf lösten, aber zum Teil als Hilfsgemeinschaften im ,,Kyffhäuser-Bund" wiedererstanden. Als größte Verbände dieser Art gelten heute die Ortsgruppe des Zentralverbandes der Kriegsbeschädigten, der Heimkehrer und der Kriegsgräberfürsorge. Der wissenschaftlichen Weiterbildung diente der ,,Verein für Kunst und Wissenschaft", der besonders in den Wintermonaten gut ausgewählte populärwissenschaftliche Vorträge veranstaltete. Dem gleichen Ziele dienen auch viele der bestehenden Berufsvereinigungen, wie z. B. der KKV (Katholischer kaufmännischer Verein) und die vortrefflichen Schulungsabende der Kolpingfamilie. Ferner müssen hier genannt werden der Stenographenverein Gabelsberger und der Schach-Club Neheim. Den besonderen Aufgaben der Heimatpflege dient der 1923 ins Leben gerufene ,,Heimatbund Neheim". In ihm sind alle heimatpflegetreibenden Nachbarschaftsvereinigungen wie ,, Strohdorf-Club", ,, Sonnendorf-Club", ,,Ohlhasen", ,, Siedlergemeinschaft-Bergheim", ,,Ruhr-Möhne-Eck", ,, Möhnering" und ,, Erlenbruch" zusammengeschlossen. Die vier zuerst genannten können bereits auf eine mehr als 2 jährige erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken. Ursprünglich teils als Not- und Hilfsgemeinschaften, teils als gesellige Vereinigungen gegründet, betätigen sie sich heute gern und freudig im Dienste echter Heimatpflege, indem sie die Erhaltung echten Brauchtums fördern und bei der Lösung zeitgemäßer Aufgaben helfen. Durch ihre rege Mitarbeit bei der Gestaltung des Schnadeganges und des Osterfeuers (Strohdorf-Club), des Martinszuges (Sonnendorf-Club), der Schaffung eines Kinderspielplatzes (Ruhr-Möhne-Eck) und eines Siedlerheimes mit Jugendfreizeitheim (Bergheim) leisten sie wertvolle Heimat- und Kulturarbeit. Der SGV (Sauerl. Gebirgsverein), der sich zwar in erster Linie dem Wandern, aber auch der Brauchtumspflege widmet, arbeitet mit dem ,,Heimatbund" einträchtig Hand in Hand. Unter den Gesichtspunkt gemeinnütziger Vereine lassen sich schließlich noch Gesellschaften und Vereinigungen zusammenfassen, die unter keine der bisher genannten Bestrebungen unterzuordnen sind. Dahin gehören u. a. die kirchlichen Bruderschaften und Standesvereine, der Caritas- und Elisabeth-Verein und mancher andere Verein, der in der Öffentlichkeit weniger hervortritt.
Noch gibt es eine Reihe anderer Vereinigungen, aber diese Aufzählung möge genügen und zeigen, wie mannigfach das Vereins- und Geistesleben in Neheim blüht. Jedoch soll nicht verkannt werden, daß solche Zersplitterungen der vielen kleinen und kleinsten Vereine dem allgemeinen Ganzen großen Abbruch tut, und das in einer Zeit, wo so vieles zum Zusammenschluß drängt.
An dieser Stelle muß des Wirkens der beiden langjährigen Bürgermeister von Neheim, Dinslage und Brüning gedacht werden. Karl Josef Dinslage wurde am 19. April 1818 zu Geseke geboren. Am 2. Februar 1847 zunächst auf zwölf Jahre gewählt und am 16. Juli 1847 eingeführt, wurde er nach Ablauf seiner Amtsperiode jedesmal einstimmig wiedergewählt, so 1859 und 1871. In diesem Jahre erfolgte seine Anstellung auf Lebenszeit. Um die Erforschung der Geschichte Neheims erwarb er sich besondere Verdienste. Er war der erste, der die überkommenen Nachrichten kurz zusammenfaßte und 1858 im ,,Central-Volksblatt" veröffentlichte. Eine zweite Arbeit, eine Erweiterung der ersten, erschien 1885 in der ,,Neheim-Hüstener Zeitung". Leider konnte er sie nicht vollenden. Schwere Krankheit fesselte ihn ans Bett und führte am 17. Juni 1886 seinen Tod herbei. Dinslage galt als äußerst fleißiger und gewissenhafter Mann, der das uneingeschränkte Vertrauen der gesamten Bürgerschaft besaß. Ihm zur Ehrung nannten die Stadtverordneten eine neuangelegte Straße ,, Karlstraße".
Ihm folgte 1886 der Bürgermeister Heinrich Brüning, vorher Supernumerar bei der Regierung in Arnsberg und staatlicher Hilfsarbeiter beim Landratsamt in Gelsenkirchen. Er war geboren am 17. Januar 1860 auf dem Rittergute Schwarzmühlen bei Gelsenkirchen. Ihm lag besonders die Förderung des Volks- und Fortbildungsschulwesens, der Ausbau der Straßen und die Verschönerung der öffentlichen und privaten Gebäude am Herzen. Während seiner Amtszeit entstanden fast alle heute vorhandenen öffentlichen Gebäude. Auch ihn berief nach Ablauf der ersten zwölfjährigen Amtsperiode (1898) das Vertrauen seiner Mitbürger nochmals an die Spitze der Stadt. Er starb am 24. August 1907 zu Neheim.
Der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung Neheims hatte eine Vergrößerung und Veränderung des äußeren Stadtbildes zur Folge. In verhältnismäßig kurzer Zeit entstanden neue Straßen, öffentliche und private Gebäude und soziale Einrichtungen verschiedener Art. Die Eröffnung der Ruhrtalbahn (1870) und der Ruhr-Lippe-Kleinbahn (1899/1900) war von großer Bedeutung für die Entwicklung des Verkehrswesens. Die Personenpost, durch die Neheim mit Arnsberg, Werl und Menden verbunden war (am Schlünder bestand eine Hauptwechselstation, wo bis zu sechzig Pferde bereitstanden), ging nach und nach ein. Die letzte Personenpost zwischen der Stadt und dem Bahnhof verschwand 1899 und mit ihr ein Stück Romantik aus alter Zeit. Am 31. Oktober 1927, als die letzte Pferde-Paketpost zum Bahnhof fuhr, erklangen zum letzten Mal die Abschiedsgrüße des Postillions in den Straßen Neheims. Das moderne Verkehrsmittel, das Auto, hatte das Erbe angetreten und auch, wie früher die Postkutsche, die Personenbeförderung übernommen. — Der Bau des Neheimer Postgebäudes erfolgte 1889.
Das Aufblühen des wirtschaftlichen Lebens hatte die Anlage weiterer öffentlicher Gebäude und Einrichtungen zur Folge. So erhielt die Stadt Neheim 1889 eine Wasserleitung (Pumpstation am Kuckert); das Wasserwerk am Neheimer Kopf wurde 1909 gebaut. Das erste Elektrizitätswerk, das die Stadt mit elektrischem Licht versorgte, erstand 1896/97; der städtische Schlachthof 1898. Das Amtsgericht wurde in den Jahren 1894/95 gebaut, das neue Rathaus 1902. Zu den sozialen Einrichtungen der Neuzeit muß außer dem 1863 errichteten Johanneshospital, die sonnig gelegene städtische Liegehalle für gesundheitlich schwache Kinder erwähnt werden. Das Sankt-Johannes-Hospital wurde nach den Kriegen renoviert und dank der hochherzigen Spende der Tochter des bekannten deutsch-amerikanischen Wohltäters Henry Heide durch Anlage eines großen, modern eingerichteten Operationssaales weiter ausgebaut. — Vor einigen Jahren entstand ein großer Neubau neben dem alten. Zur Zeit wird der Mittelbau erneuert, wesentlich vergrößert und modernisiert. — Die Kanalisation der Hauptstraßen, von denen einige bereits 1903 eine solche erhielten, wurde Ende 1927 begonnen. Im März 1928 erfolgte die Übernahme der Kläranlage auf dem Möhnert (Möhnewerth).
Der im Jahre 1926 eröffnete große städtische Schwimm- und Luftpark Schwiedinghausen, der für die Entwicklung des schwimmsportlichen Lebens in Neheim von großer Bedeutung geworden ist, bedarf besonderer Erwähnung. Es war eine kulturelle Tat, die sumpfige Niederung am Unterlauf des Schwiedinghauser Baches in eine gesundheitsfördernde Anlage umzuwandeln. Gelegentlich der Einweihung am 19. 6. sagte der Arnsberger Regierungspräsident König: ,,Hier ist in ide-aler Weise alles vereinigt, was der Mensch zur Gesundheit braucht und wonach der Großstädter lechzt: Licht, Luft und Wasser! Dies herrliche Fleckchen Heimaterde liegt allen Bewohnern Neheims leicht erreichbar, und hoffentlich werden spätere Generationen es zu würdigen wissen, was die Stadt Neheim Bedeutsames mit dieser Anlage geschaffen hat." Der Schwimm- und Luftpark umfaßt eine eingefriedigte Fläche von 14 Morgen. Davon entfallen auf den Turn- und Spielplatz 21.1 Morgen und fast ebensoviel auf das Sonnenbad. Das Schwimmbecken hat eine Größe von 50X60 m, das Planschbecken von 70X30 m. Die vier Vorwärmer bzw. Wassersammler fassen eine Wassermenge von 35 500 cbm. Ein fünf Morgen großer Stausee in herrlichem Waldtal, in den ,,Schwiedinghauser Erlen", ist im Entstehen. In unmittelbarer Nähe des Freibades wurde der Bau eines großen, stadionartigen Sportplatzes in Angriff genommen. Zwischen diesem und dem Freibad, im Schatten des prächtigen Tannenwaldes, haben Spielplätze des Tennisklubs eine ideale Stätte gefunden. Freunden des Wintersports bietet die Rodelbahn am Basenberg und Schwiedinghauser Feld Gelegenheit zum Rodel- und Skilauf, allerdings nur in schneereichen Wintern. Am Auslauf der Bahn lugt unter den schützenden Zweigen vielhundertjähriger Eichen das Waldhaus ,,Zu den drei Bänken" hervor. Hier findet der Wanderer im Sommer wie im Winter gastliche Aufnahme und Erholung. Der angrenzende Stadtwald mit den prächtigen Nadel- und Laubholzbeständen bietet Gelegenheit zu ausgedehnten Waldwanderungen. So vereinigt dies schöne Fleckchen Heimaterde die verschiedensten gesundheitsfördernden Anlagen.
Ein malerisches Bild erfreut das Auge des Wanderers, der vom Waldhause aus seinen Blick ins bergumsäumte Tal schweifen läßt. Dem Silberband der Ruhr nach Süden folgend, gleitet sein Auge über das gewerbereiche Hüsten und Bruchhausen zu Arnsbergs Schloßberg, nach Norden zum sagenumwobenen Fürstenberg. Gegenüber grüßt das anmutige Möhnetal, und aus dunklen Tannen lugt hell und freundlich die Kapelle auf dem Wiedenberge. Und unten, inmitten grüner Wiesen und brauner, fruchttragender Acker, umrahmt vom Kranze waldbedeckter Höhen, liegt die aufstrebende Stadt. Wie der Rückblick in ihre wechselvolle Vergangenheit zeigt, war sie Jahrhunderte hindurch klein und eng geblieben; aber kraftvoll und stark wuchs sie, als ihr im vorigen Jahrhundert die Industrie die Pforten öffnete zu Wirtschaft und Handel. Vergessen ist die Zeit, da man Neheim nach dem großen Stadtbrande von 1807, als seine Einwohner mit landesherrlicher Genehmigung Kleidung und Lebensmittel in den umliegenden Ortschaften sammeln durften, ,,Biäddel-Neime" nannte.

Quelle : Bernhard Bahnschulte
im Buch 600 Jahre Bürgerfreiheit Neheim - Hüsten
erschienen im Selbstverlag der Stadt Neheim - Hüsten 1958
noch zu beziehen durch Heimatbund Neheim - Hüsten e.V.

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