Neheim ......
AUF DEM WEGE ZUR INDUSTRIESTADT


Neheim Säge- und Ölmühle um 1902   © Archiv Heimatbund Neheim

Bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts war Neheim, wie fast alle Städte des Herzogtums Westfalen, im wesentlichen eine Ackerbürgerstadt geblieben. Von den verschiedenen Gewerben hatte nur die Textilindustrie, die auf kurfürstliche Veranlassung eingeführt worden war, einige Bedeutung erlangt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren einundvierzig Tuch- und Samtwerkstätten vorhanden. Diese, wie auch die Einrichtungen der Färber, Gerber und der übrigen Gewerbetreibenden fielen dem Brande von 1807 zum Opfer. Die dadurch entstandene Armut brachte Neheim den unverdienten Spottnamen "Biäddel-Neime" ein. Die Stadt befand sich in traurigster Verfassung, als sie 1816 in preußischen Besitz überging. Durch Generalakte des Wiener Kongresses vom 9. Juni 1815 war nämlich das Herzogtum Westfalen dem Königreich Preußen angegliedert worden. Der erste Oberpräsident der Provinz Westfalen, Freiherr v. Vincke, nahm das Herzogtum am 11. Juli 1816 feierlich in Besitz. Er, der so mancher Gemeinde zum Aufstieg verholfen hat, ließ auch Neheim seine Unterstützung angedeihen, indem er die Einführung neuer Industrien begünstigte. Die von der hessischen Regierung am 1. April 1811 verfügte Gewerbefreiheit gab jedem Untertanen das Recht, überall im Lande das Gewerbe zu betreiben, worauf er ein Patent löste. Dadurch ward ihm gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, seine fertigen Arbeiten und Waren überallhin abzusetzen.

Wichtige Handelswege und nutzbare Wasserkraft boten geeignete Grundlagen für industrielle Unternehmungen. Die Hebung des Wirtschaftslebens war bereits in hessischer Zeit dadurch gün-stig beeinflußt worden, daß außer den vorhin angedeuteten Reformen bessere Verkehrswege geschaffen worden waren. 1806 hatte man mit der Verbreiterung und Festigung der Ruhrstraße begonnen und die Landstraße über Voßwinkel nach Menden ausgebaut. 1810 wurde die Röhrtal-straße chaussiert. Der Handelsweg Werl-Neheim-Arnsberg (1806 neu chaussiert) hatte bereits im 18. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen. Seit 1742 nahm nämlich die Post hierher ihren Weg ins Sauerland. Dadurch waren Arnsberg und Neheim mit den beiden Hauptpostlinien Köln- Werl-Paderborn-Berlin und Werl-Münster-Hamburg verbunden. Die Möhnestraße wurde 1849 fest ausgebaut. - Die reichlich vorhandene Wasserkraft hatten schon die Grafen von Arns-berg nutzbar gemacht. Außer der ihnen gehörigen Kornmühle erhielten in späterer Zeit noch vier andere Mühlen, die in nächster Nähe der ersteren lagen, ihre Wasserkraft durch den Mühlengraben : die Säge-, Loh-, Walk- und Eilmühle. Die beiden letztgenannten kaufte 1826 der aus Dortmund stammende Kaufmann F. W. Brökelmann, der 1832 beide abbrechen und an ihrer Stelle eine neue Ölmühle bauen ließ. Von nun an gestaltete sich die Ölgewinnung rationeller. Als 1858 die Ölmühle vergrößert wurde, ließ Bröckelmann eine Dampfmaschine (24 PS), die erste in Neheim, einbauen. Er betrieb auch eine Kolonialwaren-Großhandlung, deren Teilhaber sein frühe-rer Chef, der Kaufmann Overbeck aus Dortmund, und Josef Cosack aus Neheim waren.

Als neuer Industriezweig fand zuerst die Nadel- und Nagelfabrikation Eingang. Der aus Berleburg stammende Kaufmann Noa Wolff hatte an der Arnsberger Straße ein Haus erworben (heute Hauptstraße Nr. 23) und in seinem Hintergebäude im Juli 1833 eine "Stecknadel- und Pan-zerwarenfabrik " eingerichtet. Unter Panzerwaren verstand man Artikel aus Weicheisen und Stahl, wie Strick-, Haar- und Spangennadeln, Angeln, Schirmstangen usw. Die fertigen Nadeln wurden in Säcken nach Iserlohn, der Zentrale der Nadelfabrikation, geliefert. Die Fabrik arbei-tete mit solch günstigen Erfolgen, daß Wolff bereits nach Jahresfrist an eine ausgedehnte Ver-größerung dachte. Er wandte sich an den Freiherrn v. Vincke. Als dieser an einem Februartag des Jahres 1834 die Wolffsche Fabrik besichtigte, zeigte er großes Interesse und ließ sich alle Arten von Nadeln einpacken. Mit Humor erzählte der fast hundert Jahre alte Noa Wolff später gern von dem leutseligen Vincke, der es ablehnte, sich das Paket zum Absteigequartier bringen zu lassen, sondern es selbst unter dem Arm heimtrug. Vincke vermittelte Wolff dann die finanzielle Hilfe des Freiherrn Franz Egon v. Fürstenberg-Stammheim. Dieser machte u. a. zur Bedingung, "daß als Arbeiter nur Eingebürgerte Neheims dahingezogen werden sollen, ausgenommen die Fabrikmeister". 1835 begann Wolff im Verein mit Alias am Mühlengraben den Bau einer Drahtzieherei und Nagelfabrik, die noch im gleichen Jahre in Betrieb genommen wurde und achtundvierzig Arbeitern Beschäftigung und Lohn gewährte. Das Abschleifen der Nadeln und Nägel gab der Fabrik den Namen "Schleifmühle", und noch heute heißt der Zugangsweg von der Möhnestraße bis zum Werke "Schleifmühlenweg". Durch Abgabe von Rohmaterialien und notwendigem Werkzeug an seine Arbeiter begründete Wolff die Haus- oder Heimindustrie. Als in den vierziger Jahren die Blech- und Metallindustrie Eingang fand, betrieben Wolff & Elias eine "Druckerei facionierter Blech-, Messing- und Bronzesachen". Als im gleichen Jahrzehnt der Teilhaber Elias ausschied, nahm Noa Wolff seinen Bruder Hermann ins Geschäft. Seitdem hieß die Firma "Gebrüder Wolff". 1924 ging das Werk (unter Beibehaltung des Firmennamens) in den Besitz der Gebrüder Honsel über. Hauptfabrikationsartikel bildeten neben Petroleumlampen elektrische Artikel, Spirituskocher und Einkochapparate.

Wenngleich die Fabrik von Wolff & Elias die erste industrielle Anlage in Neheim war, so muß als Mitbegründerin der Neheimer Industrie die fast gleichzeitig entstandene Firma Tappe & Cosack genannt werden. Über die Vorgeschichte dieser Gründung erzählte mir Fabrikant W. Brökelmann folgendes: "Der Oberpräsident v. Vincke fuhr, wenn er von Münster über Werl kam und zur Re-gierungshauptstadt Arnsberg wollte, durch Neheim, wo er manchmal kurzen Aufenthalt nahm. Vincke war bekanntlich Frühaufsteher. Eines Morgens, es mochte gegen ½ 6 Uhr sein, sah er im Kontor meines Vaters (an der Friedrichstraße) Licht. Er ging hinein, und im Laufe der Unterhal-tung kam auch das Gespräch auf Industriemöglichkeiten am hiesigen Platze. Der Oberpräsident erzählte meinem Vater von dem jungen Gottlieb Tappe aus Lüdenscheid, der vor einiger Zeit aus Paris zurückgekehrt sei und sich einige Kenntnisse in der Knopffabrikation erworben habe. Dieser wünsche sich nun selbständig zu machen, verfüge aber nicht über das notwendige Kapital. Mein Vater machte den Oberpräsidenten auf die Herren Cosack aufmerksam." Auf Vinckes Veranlassung kam Tappe, der auch in Lüdenscheid die Knopfindustrie eingeführt hatte und für seine Verdienste den roten Adlerorden IV. Klasse erhielt, 1833 nach Neheim, um den Ort und seine Lage sowie die Gebrüder Cosack kennenzulernen. Die im folgenden Jahre aufgenommenen Verhandlungen führten am 20. April 1835 zum Abschluß des Vertrages über die Gründung der Knopffabrik Tappe & Cosack. Mit glücklichem Geschick verband diese Firma, die anfangs nur Metallknöpfe herstellte, beide am Platze befindlichen Industrien, indem sie die Herstellung von Schmucknägeln, wie Polster-, Koffer- und Bildernägel betrieb. Vergrößert wurde das Werk durch die im Jahre 1853 erfolgte Angliederung einer Schmelztiegelfabrik. Das Hauptwerk wurde 1907 von der Burgstraße an die Lange Wende verlegt. - Mit der Draht- und Nagelindustrie war eng verwandt die Herstellung von Vogelkäfigen, Matratzenfedern, Schirmstangen, Drahtgittern und Drahtlyren für Lampen, die außer von der Firma Wolff & Elias auch von andern selbstän-digen Handwerkern und Kleinfabrikanten betrieben wurde.

Anfangs der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fand die Blech-, Metall- und Bronzewarenindustrie Eingang. Mit der Herstellung von Haushaltungsartikeln aus Weißblech, Messing und Kupfer beschäftigten sich Handwerker, von denen einer der bedeutendsten Franz Egon Frieling- haus war, der sich 1857 mit Caspar Plesser zur Firma Frielinghaus & Plesser verband. Neben den schon genannten Artikeln stellte die Firma auch Sargbeschläge und Vogelbauer her sowie Bronzesachen und kirchliche Geräte, wie Weihrauchkessel und -schiffchen, Stock- und Krankenlaternen. Zwei von Frielinghaus gearbeitete große Leuchter sind noch heute in der katholischen Pfarrkirche in Gebrauch. Martin Westermann, der seine Ausbildung durch Frielinghaus erhalten hatte, machte sich 1867 selbständig und wurde Gründer der Blech- und Lackierwarenfabrik M. Westermann & Co. Ihre heutigen Erzeugnisse sind Haus- und Küchengeräte jeglicher Art. - Eine Metall- und Bronzewarenfabrik ("Brunsfabrik") wurde 1844 von Klemens Otter-stedde erbaut und 1847 von den Gebrüdern Theodor und Egon Cosack käuflich erworben. 1909 erstand an Stelle des alten Gebäudes das heutige Werk. Hauptfabrikationsartikel bildeten Petroleumflachbrenner und andere Lampenteile sowie Massenartikel jeglicher Art aus den verschiedensten Metallen. Daneben werden nach wie vor kirchliche Geräte, Messinggußartikel und Haus- und Küchengeräte hergestellt. In den ersten Jahren wurden auch Schirmstangen und Uhrgehäuse ge-liefert. Heute zählt die Fabrik zu den bedeutenden Werken der Beleuchtungsindustrie.

Gußartikel lieferten ferner in den fünfziger Jahren die beiden Gelbgießer Gerke und Knipp, und zwar Türklinken und Griffe aller Art, insbesondere Sarggriffe und Schrauben-Schmuckgriffe. Gerke erhielt seine Betriebskraft, wie manche Werke in damaliger Zeit, durch Fußtretbetrieb ("Trampelbank"). Den vereinigten Betrieb einer Metallgießerei, einer Armaturenfabrikation sowie einer Feindrahtzieherei bilden die "Metallwerke Neheim, Goeke & Co." Die Fabrikate dieser Firma, die in ihren Spezialitäten zu den führenden Firmen ihrer Branche gehört, genießen guten Ruf.

Zur größten Blüte gelangte die Beleuchtungsindustrie, die den Ruf Neheims als Lampenstadt begründete. Die Herstellung von Öllampen, die begünstigt wurde durch die seit Jahrhunderten be-triebene Ölgewinnung und Flachsverarbeitung, läßt sich bis in die dreißiger Jahre des vergange-nen Jahrhunderts nachweisen. Anfangs wurden kleine Öllampen und Kerzenhalter für den Hausgebrauch handwerksmäßig hergestellt. Mitte der dreißiger Jahre erzeugte die Firma Wolff & Elias bereits Docht- und Lichtputzscheren sowie Schiebeleuchter für Kerzen und Metall-Streichholzdosen. Klempnermeister Franz Egon Frielinghaus war der erste, der neben Kirchenleuchtern, Stock- und Krankenlaternen verbesserte Rüböllampen herstellte. Er lieferte anfangs der vierziger Jahre die Fränksche Lampe (französische Lampe), wie die Argandlampe wegen ihrer Herkunft auch genannt wurde, ferner die deutsche Schiebelampe und Studierlampe, desgleichen Öllampen für Schiffsbeleuchtung und verschließbare Taschenlampen für Öl und Kerzen. Dabei war sein Be-trieb anfangs sehr einfach; vier bis fünf Drehbänke wurden durch Koppel und Pferd in Bewegung gesetzt. Erst nach Verbindung mit Plesser (1857) wurde eine Dampfmaschine aufgestellt. Frielinghaus lieferte die Lampen hauptsächlich an den Grossisten Wolff, der bereits Lampenschirme und -reifen sowie Rauchfänger fabrikmäßig herstellte. Kirchenleuchter und Stocklaternen wurden seit 1847 auch von den Gebrüdern Theodor und Egon Cosack geliefert.

Die erste neue Lampe (Solaröllampe) mit amerikanischem Flachbrenner kam nach Neheim durch W. Brökelmann, der sie gelegentlich einer Reise 1854 in M.-Gladbach kaufte. Als eine der ersten Neugründungen der Petroleumlampenindustrie kann wohl die Firma Wetzchewald & Wilmes gelten. Sie begann im Jahre 1863 die Zusammensetzung kompletter Lampen aus Halbfabrikaten. Bald darauf richtete sie einen eigenen Fabrikationsbetrieb ein und verband damit ein ausgedehntes Großhandelsgeschäft. Ihre Erzeugnisse gingen in alle Welt. Ihr und den nachfolgenden Fabrikgründungen verdankt Neheim seinen Ruf als Lampenstadt, sowohl in Deutschland als auch in China, Indien, Japan, Afrika und Südamerika. Später stellte die Firma, die inzwischen den Besitzer gewechselt, aber ihren ursprünglichen Firmennamen beibehalten hatte, hauptsächlich elektrische Beleuchtungskörper sowie Lampen für Gas, Karbid und Petroleum her. - Aus kleinen Anfängen hat sich auch die bedeutende Firma Brökelmann, Jaeger & Busse entwickelt. Unter dem Namen F. Jaeger & Co. hatte Franz Jaeger im Jahre 1859 das Kommissionsgeschäft von Herring übernommen. Gustav Busse betrieb seit Anfang der 1860er Jahre eine Metallgießerei, in welcher Lampenfüße und Gewichte gegossen wurden. 1867 verbanden sich beide mit dem Kaufmann Friedrich Wilhelm Brökelmann zur Firma G. Busse & Co. In der neuen Fabrik wurden vollständige Petroleumlampen aller Art, Lampenfüße aus Zink, Lampenbrenner und -gehänge, sowie Britannia-Löffel hergestellt. Als 1870 der verbesserte Rundbrenner erfunden war, erzeugten G. Busse & Co. denselben als erste Neheimer Firma. Im November 1873 fiel die Fabrik dem Feuer zum Opfer; die Fabrikation wurde in den leerstehenden Ochsenstall der Brennerei von F. W. Brökelmann verlegt und der Firmenname in Brökelmann, Jaeger & Co. umgeändert. Da durch den Brand viele Gußformen vernichtet waren, verlegte man sich hauptsächlich auf die Massenfabrikation der neuen Kosmosbrenner. Die Firma gewann Weltruf und legte dadurch den Grund zur heutigen Blüte. Als im November 1880 das Werk abermals niederbrannte, überließen die Inhaber das Lampengeschäft den Kaufleuten Höhler & Heer (1884 übernahm es Gustav Heer auf eigene Rechnung). Der Fabrikationsbetrieb konnte nach wenigen Monaten wieder aufgenommen werden. 1890 wurde der Firmenname in Brökelmann, Jaeger & Busse geändert. Heute liefert sie Elektromaterial in Massenproduktion und zählt zu den bedeutendsten im Bundesgebiet.

Erwähnenswert ist ferner, und zwar wegen der Eigenart seines Betriebes, Eberhard Wortmann. Dieser stellte in den fünfziger Jahren Lampen und Lampenteile handwerksmäßig her, dann aber richtete er Mitte der sechziger Jahre hinter seinem Hause (Möhne- und Hochstraßenecke) einen sogenannten Pferdetretbetrieb ein. Wortmann hatte auf einem Bauernhofe in Balve gesehen, wie ein Hund als Triebkraft für eine Butterkerne benutzt wurde. Dasselbe Verfahren suchte er in vergrößertem Maßstabe anzuwenden und ließ ein Rad von 7 bis 8 m Durchmesser bauen, in dessen Innerem Treppenstufen angebracht waren, bei deren Ersteigen der darin befindliche Schimmel das Rad und damit die Drehbänke in Bewegung setzte. Wortmanns Bruder Wilhelm gründete um die-selbe Zeit mit Scheiwe eine Fabrik, in der man ebenfalls Lampenteile herstellte. Doch schon Anfang der neunziger Jahre kaufte dieses Werk der Fabrikant Hugo Bremer, der es erweitern ließ und mit der Herstellung von Teilen für elektrische Lampen begann. Bremer stellte Bogenlampen her und war Erfinder des sogenannten "Bremer-Lichts". (Vgl. Lebensbild "Hugo Bremer", 5. 307). 1878 gründeten Hültenschmidt & Cosack eine Fabrik, in welcher hauptsächlich Wagenlaternen, Pferdegeschirre und Beschläge hergestellt wurden. 1881 begann Egon Hillebrand die handwerksmäßige Herstellung von Petroleum-Straßenlaternen und Lampenteilen. Der Betrieb, dessen An-triebskraft zuerst wie in andern Handwerksstätten durch Fußtretbetrieb gewonnen wurde, hat sich unter Franz Hillebrand, dem Sohn des Gründers, zu einer bedeutenden Beleuchtungskörperfabrik von beachtlicher Größe entwickelt. Das gleiche gilt von dem etwas später entstandenen Werk Schröder & Co., das zu den leistungsfähigsten der Stadt zählt. - Der 1886 gegründete handwerkliche Betrieb der Firma Cöppicus & Schulte, nachmals Cöppicus-Schulte-Bongard, erreichte beachtliche Größe, ging aber um 1930 ein. Die im Jahre 1893 gegründeten Firmen Gebr. Leclaire & Schäfer sowie Dame & Co., die von Anfang an neben Metallwaren auch Petroleum-lampen herstellten, haben sich gleicherweise zu bedeutenden Beleuchtungskörperfabriken entwickelt; in jüngster Zeit auch die Firmen F. Schnieder und Heinz Neubaus sowie die Fabrik für Elektrogeräte von Caspar Cloer. Bedeutende Elektro-Großhandlungen sind die "Neheimer Me-tallindustrie" (Wilh. Kaiser), Gebr. Gemmecke, Hans Gemmecke und G. Heer (1881). - Vom handwerklichen Schlossereibetrieb zur Großfirma entwickelte sich die Fabrik für "Stahltüren und Fensterbau, P. Steinau".

Als die hervorragendste Gründung der letzten Jahrzehnte muß die Firma Gebr. Kaiser & Co. be-zeichnet werden. Ihre Entwicklung ist im Lebensbild "Hermann Kaiser" (s. 5. 303) eingehend dargestellt.

Die Unterbindung der Petroleumeinfuhr während des ersten Weltkrieges zwang die Neheimer Lampenindustrie, sich noch mehr als bisher auf den Lampenexport zu verlegen oder sich auf die Fabrikation von Installationsmaterialien und Teilen für elektrische Beleuchtungskörper umzustellen. Infolgedessen entstanden eine Anzahl von Betrieben, die elektrotechnisches Material her-stellen und Großhandlungen, die sowohl dieses als auch komplette Lampen in Mengen absetzen. Sie und die vielen Neugründungen der letzten drei Jahrzehnte hier einzeln aufzuführen, würde den Rahmen dieser Arbeit, die im wesentlichen den Beginn der industriellen Entwicklung Neheims aufzeigen will, überschreiten. Um jedoch den gewaltigen Wandel von der handwerklichen Fertigung der Lampen von einst bis zum Großbetrieb unserer Tage an einem Beispiel kurz zu charak-terisieren, sei erwähnt, daß in der größten Neheimer Leuchtenfabrik "Gebr. Kaiser & Co." mit über tausend Beschäftigten mehr als zweihundert Ziehpressen' Schleif- und Poliermaschinen, auto-matische Scheren und Gewindeschneiden arbeiten. Um die vielartige Produktion selbständig und unabhängig von andern Betrieben zu meistern, werden die verschiedensten Maschinen- und Hand-werkszeuge, wovon mehr als siebentausend vorhanden sind, in eigener Werkzeugmacherei herge-stellt. Der Lagerkatalog enthält mehr als zwölftausend vorgefertigte Normenteile. Diese Vielzahl von Einzelteilen wird in immer anderen Kombinationen zu immer anders geformten Lampen und Leuchten komponiert. Die Bestellungen von Abteilung zu Abteilung sausen mit Rohrpost durch das Werk. Neheim-Hüsten steht heute in der vordersten Reihe der Lampen erzeugenden Orte, ist die bedeutendste Produktionsstätte im Bundesgebiet und besitzt die größte Lampenfabrik Europas. Der Aufschwung der Industrie in den achtziger Jahren brachte die Eröffnung einer Geschäfts-bücherfabrik (M. Taprogge), einer Zeitungsdruckerei (Neheim-Hüstener Zeitung, 1884) und die Gründung mehrerer anderer Druckereien mit sich. Als im Jahre 1908 die durch Brökelmann 1832 neuerbaute Ömühle abbrannte' erstand an deren Stelle die Aluminiumfabrik von Friedrich Wilhelm Brökelmann, in der Haus- und Küchengeräte hergestellt wurden. Heute hat sie sich auf die Fabrikation von Großgeräten für Fleischereien usw. umgestellt und ein Aluminium-Walzwerk angegliedert. 1842 gründete Brökelmann eine Malz-essigbrauerei, die bis 1890 betrieben und dann eingestellt wurde, da die Herstellung von Sprit und Holzessig billiger war. 1862 legte Brökelmann eine Branntweinbrennerei an, deren Betrieb nach dem Krieg infolge der Einführung des Staatsmonopols eingeschränkt und dann von F. Koch als Branntwein- und Essighandlung weitergeführt wurde. Die Holzdestillation erfolgte zuerst durch die 1869/70 von Karl August Rüggeberg gegründete chemische Fabrik, die 1905 in den Besitz des Vereins für chemische Industrie" (in Frankfurt) überging. Rüggeberg war der erste, der im Sauer-land den Versuch machte, Buchenholz chemisch auszunutzen, indem er aus ihm einerseits die wertvolle Holzkohle, anderseits die Essigsäure und den Methylalkohol gewann. Sein Verfahren war damals von besonderer Bedeutung für die Hüstener Gewerkschaft, da diese die Holz-kohle für die Erzeugung ihrer Stahlbleche nicht entbehren konnte. - Nach dem ersten Welt-kriege entstanden die "RMW-Motorrad-Werke G.m.b.H." (1921), die Fahrradteilefabrik von Prünte (1922) und die Lackfabrik von Schulte & Weine. Ihr alleiniger Eigentümer wurde 1928 der Fahrikbesitzer Hugo Wohlfahrt. Das Werk, das 1928/9 wesentlich vergrößert wurde, ist zur Fa-brikation von Lacken und Farben aller Art aufs modernste eingerichtet und lieferte seine Erzeugnisse für die Reichsbahn, für die verschiedensten Zweige der Industrie wie für den Groß-handel. Das von ihm gegründete "Drahtseilwerk" gehört zu den führenden im Bundesgebiet. Zahlreiche kleinere Werke dienen der Herstellung von Reißbrettstiften, andere wieder fertigen Teile von Haushaltungs- und Bedarfsgegenständen an. Angeregt durch die günstige Entwicklung der Neheimer Industrie faßte die Soester Spar- und Kreditbank den Entschluß, in Neheim eine Filiale zu errichten. Dadurch erhielten die größeren Betriebe Gelegenheit, ihre Geld- und Wechselbedürfnisse am hiesigen Orte zu befriedigen. Es bestand zwar schon seit 1851 die Städtische Sparkasse, die sich jedoch anfangs nur auf den Spar-und Hypothekenverkehr beschränkte. Infolge ihrer gesunden Entwicklung und der 1916 erfolgten Eröffnung des Scheck- und Kontokorrentverkehrs ist sie heute in der Lage, die Geldbedürfnisse des gesamten Mittelstandes zu befriedigen. Als die Soester Bank in Schwierigkeiten geriet, kaufte der "Neheimer Bankverein" die hiesige Filiale auf; aus ihr ging später die Filiale der Deutschen Bank hervor. Von besonderer Bedeutung war es, daß sich die Reichsbank zwecks Hebung und Unterstützung der Neheimer Industrie zur Gründung einer Reichsbanknebenstelle entschloß. Später unterhielt auch der Sauerländische Bankverein in Meschede hier eine Zweigstelle.

Quelle : Bernhard Bahnschulte
im Buch 600 Jahre Bürgerfreiheit Neheim - Hüsten
erschienen im Selbstverlag der Stadt Neheim - Hüsten 1958
noch zu beziehen durch Heimatbund Neheim - Hüsten e.V.

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