Schnadezüge —
Altes Brauchtum neu belebt

 Setzung des Steines,der am ersten Schnadezug 1921 erinnert,    anläßlich  der  zweiten  Schnad   der     Neuzeit          © Paul Seim

,,Der Schnadezug durch die Fluren der Stadt Neheim, der neben den Schnadezügen in Brilon und Geseke wohl zu den bedeutendsten in Westfalen gehört, wird alle zwei Jahre gegangen. Er ist uralt, so alt, daß er sogar in den Wirren der Zeiten einmal ganz in Vergessenheit geraten und selig eingeschlummert ist".
So hieß es in einem mit ,,Silvanus" unterzeichneten Artikel der Neheim-Hüstener Zeitung Ende August 1937. Der Redakteur hat sicher mit der Formulierung vom ,,bedeutendsten" übertrieben, denn (nach anderen Quellen) ist auch damals die Zahl der Teilnehmer kaum über 100 hinausgegangen, während in Brilon jährlich mehr als 500 Schnadegänger unterwegs sind. Aber recht hat ,,Silvanus", wenn er schreibt, daß die Schnadezüge in unserer Stadt sehr alt sind.

Marken und Schnade

Betrachten wir zunächst den Begriff: ,,Schnade" heißt eigentlich Grenze. Im Plattdeutschen sagt man je nach Region ,,Snat" oder ,,Schnaot". Zum gleichen Wortstamm gehört die Bezeichnung ,,Schneise", ,,Waldschneise", denn diese diente häufig zur Markierung von Grenzen. Natürliche Kennzeichnungen waren auch Bach- und Flußläufe oder Hecken. Wenn solche natürlichen Markierungen nicht vorhanden waren, warf man (Grenz-) Gräben aus oder pflanzte Grenzbäume. Diese mußten für ihre besondere Aufgabe als z.B. ,,neutrale Eiche" gekennzeichnet werden. Das geschah in vielen Gegenden dadurch, daß man mit der Axt ein Kreuz in den Stamm einschlug. Erst seit dem 17. Jahrhundert setzte man Grenzsteine.
Ursprünglich waren Grund und Boden im Besitz des Dorfes. Die Grenzen verliefen unbestimmt oder sogar unbekannt. Große Flächen, die niemandem gehörten, lagen zwischen den genutzten Dorfäckern. Es hat über tausend Jahre gedauert, bis der Besitz so aufgegliedert wurde, wie es uns heute geläufig ist. Erst zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden die Markgenossenschaften aufgehoben‘. Mit der Mark verbunden waren Rechte auf Bude, Holz- und Plaggennutzung. Da sich das bäuerliche Leben in der Markgenossenschaft abspielte, ist es ersichtlich, daß die erhaltenen Markregister, aus denen die Anteile der einzelnen Bauernhöfe an der Mark hervorgehen, älter sind als die Bürgerverzeichnisse. In Hüsten stammt das älteste Markregister aus dem Jahr 14752 (nach Alfons Beiler), das älteste Bürgerverzeichnis ist vom 27. April 1600.
Im Aberglauben spielen sich viele Gespenstergeschichten an alten Grenzen, nämlich an Ackerrainen, an Flußläufen usw. ab. In Sagen sind Grenzverletzungen häufig mit Spuk verbunden. Grenzfrevel wurde streng, fast immer mit dem Tode bestraft. Im Götterkult der Germanen spielt der Schutz der Grenzen eine besondere Rolle. All dies gibt unseren Grenzbegehungen, auch wenn uns das heute nicht mehr bewußt ist, einen schillernden, fast religiösen Hintergrund. Auch die Kirche hat die Grenzumgehungen übernommen, z. B. in den ,,Heiligentrachten". Das mittelalterliche deutsche Recht kannte Grenzbegehungen beim Erwerb eines privaten Grundstücks. Nach Zahlung des Kaufpreises übergab der Verkäufer als symbolischen Teil des Grundstücks einen Korb Erde oder einen Zweig. Dann umgingen der alte und der neue Besitzer das betreffende Grundstück. Die Gemeinschaft der Dorf- oder Stadtbewohner führten Grenzbegehungen ihres Besitzes, die Schnad, regelmäßig durch. Darüber liegen uns alte Berichte vor.

In Hüsten ,,...von alters gebräuchlich"

1657 — keine zehn Jahre nach Ende des ,,Dreißigjährigen Krieges", der große Rechtsunsicherheiten geschaffen hatte — trug Johann Wulff, Bürgermeister der Freiheit Hüsten, folgenden Text unter die älteste Bürgerliste in das Freiheitsbuch4 ein: ,,Anno 1657 den 21. May hat Bürgermeister und Raht auch ganz Gemeinheit, Junck und Alt, sich bey einandergedahn und der Freiheit Husten ihr velt market umm gangen in der Wollmeiner (= Gemarkung) van alterß gebräuchlich: Daß der Junge ader unser nachkommen w~ßen dar van nach zu sagen: und ist gebräuchlich alle fünf Jahre die Felt marck zu umm gehen, dieß zur nach Richting in dieß Buch gesetzet. Beim Schnadegang um die Hüstener Flur fiel am 18. Oktober 1701 eine Entscheidung zugunsten eines alten Wegerechtes. Die adelige Familie von Eickel zu Bruchhausen mußte die Sperrung eines Weges über ihr Privatgrundstück wieder aufheben. Das Urteil wurde gefällt, nachdem zwei Urteile über dieses Wegerecht aus den Jahren 1536 und 1539 zu Rate gezogen worden waren. Eigentlich ist die Heranziehung von Akten bei einem Schnadezug untypisch, weil man sich vornehmlich auf das Urteil älterer Zeugen berief. Konnte man bei Grundstücksfragen und Grenzverläufen keine eindeutige Entscheidung herbeiführen, verließen sich die gläubigen Menschen auf die höhere Gerechtigkeit. Der Freiheitsschreiber protokolliert: ,,dem sey nuhn wie Gott will ... er weiß alles". Im Bericht über den Schnadegang von 1646 heißt es: ,,Solches (wird) dem Allerhöchsten anheim gestellt. Gott stehe dem Rechten bei". Diese Bemerkungen deuten den religiösen Hintergrund der Grenzbegehungen an. Durch das ,,Hüstener Freiheitsbuch"4‘ sind wir über durchgeführte Schnadegänge aus mehreren anderen Jahren informiert. Die Veranstaltungen waren einerseits fröhliche Wanderungen, die zum Teil Volksfestcharakter annahmen, aber ,, es ging (auch) hart zur Sache ,. Grenzmarkierungen wurden zum Teil mit Gewalt wiederhergestellt, an strittigen Punkten wurde der Rat alter und erfahrener Leute eingeholt. Der Bericht über den Schnadezug vom 18. Oktober 1701, den Bürgermeister Johann Heinrich Kötter veranlaßt hatte, verzeichnet zwar, daß die Bürgerschaft dabei ,,zwei Tonnen Bier zu ihrem Besten geholt und getrunken hat‘, aber es waren auch wichtige Entscheidungen gefallen. Der ,,Steg hinter der Kapelle wurde wieder geöffnet. Diese Entscheidung wurde im darauffolgenden Jahr zwischen Pastor und Gemeinde endgültig festgeschrieben, wie eine Notiz im Pfarrarchiv von St. Petri festhält. Mit der Kapelle wird das dem hl. Laurentius geweihte (hinter dem Ostchor, auf dem sog. Alten Friedhof) sehr alte Kirchlein gemeint gewesen sein. Heute steht dort ein großes eisernes Kreuz, das als erstes Gußstück der Hüstener Hütte 1839 erstellt worden Ist. Von dort ist es nicht weit bis zur Ruhr, deren Lauf sich in jener Zeit häufig verlagert hat. Der frühere Bürgermeister Wilhelm Hustmann (1661 und 1673 im Amt) hatte den Steg ohne Billigung der Bürgerschaft schließen lassen. 1701 wurde die Entscheidung des selbstherrlichen Bürgermeisters revidiert. Auch die Maßnahme des Bürgermeisters Johann Kleine (1688 und 1692 im Amt), der bei ,,Pastors Land", auch ,,Eichhölzchen" (kleiner Eichenwald) genannt, ein Grundstück hatte einzäunen lassen, wurde widerrufen. Die Zäune und Riggen (Zaungeflecht) hat die ,,gesamte Bürgerschaft gewaltsam‘ niedergerissen und dadurch ,,diesen Platz zurückgewonnen ,,. Auch der Zaun,den der Bauer Potthoff ,,an der Straße aufgerichtet" hatte, wurde niedergerissen. ,,Auch haben wir den Zaun, den Johann Fincke an seinem Garten gehabt, niedergerissen ,,. Diese wenigen Eintragungen sind deutliche Beispiele für die Bedeutung der Schandegänge, bei denen Willkürakte von Grundbesitzern in Hüsten durch die gesamte Bürgerschaft, (ausdrücklich heißt es ,"ganz Gemeinheit Jung und Alt ") korrigiert wurden.

Verbot von Schnadegängen


Die Preußen hielten Schnadegänge, die damals einen ganzen Tag in Anspruch nahmen, nach Einführung der Kataster (Urkataster 1829) für überflüssig. Für sie war diese Veranstaltung ,,unnützes Tun". Der Schnadegang wurde in Hüsten erst wieder durchgeführt in der Vorbereitungszeit für das Jubiläum der Freiheit 1984. Dafür gebührt Gerhard Teriet und Gerd von der Heydt Dank.5‘ Trotz der eindeutigen Quellenlage war die Erinnerung an Schnadegänge in der Freiheit so gründlich vergessen, daß Einzelne diese Veranstaltung als für Hüsten untypisch ablehnten. Inzwischen haben sich die Schnadezüge am Samstag nach der Kirmes eingebürgert und sind beliebte Ereignisse, an denen weit über hundert Personen regelmäßig teilnehmen.

Entdeckung im Neheimer Rathaus 1921

Wenn auch der Brauch in Neheim schon nach dem Ersten Weltkrieg wiedereingeführt wurde, so wurde er in Verbindung mit dem Stadtjubiläum 1983 durch das Engagement des damaligen Heimatbundvorsitzenden Franz-Clemens Feldmann neu belebt. 1937 schrieb der oben zitierte ,,Silvanus" über die Wieder-Einführung des Neheimer Schnadeganges folgendes-: ,, 1921, als die Kriegsereignisse allmählich ihre Schrecken wieder verloren hatten, ging der damalige Stadtrat Spiekermann einer guten Eingebung folgend mit frischem Mut und heiterem Sinn an die ,,Entrümpelung des Rathauses" heran, um nach vergessenen und verblaßten Sitten und Gebräuchen zu suchen und siehe da ,, er wischte den Staub von einem alten, wie ein ägyptisches Papyrus aussehende Dokument hinweg, und er hatte: den Schnadegang entdeckt. Im Jahre dieser Ausgrabung ,, 1921 ,, konnte dann auch der erste Schnadegang oder Grenzbegang fröhliche Urständ feiern ". Diese sehr romantisch dargestellte Arbeitssituation im Neheimer Rathaus wird also der Auftakt für ,,die erste Schnad der Neuzeit" in unserer Stadt gewesen sein. Als 1921 der erste Schnadezug seinen Weg um die Neheimer Feldflur ging, nahmen etwa zwanzig Männer daran teil. Es handelte sich um die Mitglieder des Magistrats und des Stadtverordnetenkollegiums. Er führte um die Grenzen der Forstbezirke Besenberg, Lichtentelgen, Wiedenberg und Moosfelde. Dort wurde ein deftiges Frühstück eingenommen. Dann ging es weiter um die Forsten Stemberg, Sonnenufer, Rumbecker Holz, Hülsberg und Frettholz. Dort aß man zu Mittag. Bänke und Tische waren auf einer Lichtung aufgeschlagen, und die Bäume waren mit Fähnchen geschmückt. Nach dieser Kräftigung, die nach dem stundenlangem Marsch auch dringend erforderlich gewesen war, wanderte man weiter über den Basenberg, die Traufe, Grevingheide und Härte. Den Abschluß fand der erste Schnadezug im Garten des Forsthauses Heide (Bergheim). Am 5. August 1922 fand der Schnadegang am Tag des Jägerfestes statt. Zum erstenmal wurde das Schnadebanner mitgeführt. Der damalige Bürgermeister Dr. Laymann las in der Mittagspause die Schenkungsurkunde des Grafen Gottfried IV. vor. Vom Schnadezug 1933 liegt wieder ein interessanter Bericht vor, der uns den Ablauf der damaligen Veranstaltung vor Augen führt. ,,Eine stattliche Zahl (120 Mann) setzte .sich Punkt 7.30 Uhr ab Volkshalle unter Führung unsereres Stadtoberhauptes Dr. Sauerbier nach dem Fürstenberg zu in Bewegung. Seppel der Kleine wurde sofort zum Hornisten ernannt und bekam zur Ausübung seines wichtigen Amtes das bekannte altehrwürdige Nachtwächterhorn umgehängt. Er versah sein Amt sehr gewissenhaft und .vtie/3 in sein Horn gleich Roland in seinen Olifant (zur Zeit Karls des Großen)... Unter Frohsinn und Scherz wurden die gefährlichen Pässe überwunden, und man gelangte bald an die Stelle, wo unser Heimatforscher Herr Lehrer Bahnschulte mit der Bloßlegung prähistorischer Gräber beschäftigt ist. Ein mächtiger Hornstoß verkündete, daß es hier etwas zu sehen gab. Herr Studienrat Kauling erklärte den Anwesenden in kurzem Vortrag die Bedeutung der Ausgrabungen... Es nahte nunmehr der feierliche Moment der ,,Frischlingstaufe ,,... Nachdem diese Angst (des Pohläsens) überstanden war, ermahnte Seppel mit seinem Olifanten wieder zum Weitermarsch.... die Schillereiche. Es ist ein Prachtexemplar. Mit kerzengraden Stamm von mindestens 20 Metern Länge repräsentiert sie eine Holzmassee von ca. 7 Festmeter. Ihren Namen soll sie von einein Forstmeister hohen, der sie vor etwa 150 Jahren gepflanzt hat. Der Redakteur der Sauerländer Neueste Nachrichten schließt seinen Bericht:,,Summarisch sei festgestellt‘ daß der diesjährige ,,Schnadegang" einen schönen und harmonischen Ausklang (bei Festwirt Nies in der Volkshalle) genommen.. .Bemerkt sei noch, daß die Pröppersche Kapelle viel zur Verschönerung beigetragen hat.

Quelle : Werner Saure
im Buch 600 Jahre Bürgerfreiheit Neheim - Hüsten
erschienen im Selbstverlag der Stadt Neheim - Hüsten 1958
noch zu beziehen durch Heimatbund Neheim - Hüsten e.V.

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